Indien – Von Göttern und Fahrrädern

By 30. June 2019 Stories

Hautnah die ungebremste Energie Indiens erfahren

Fotograf Kai Stuht reiste mehrere Monate auf einer alten Royal Enfield, dem Urbegriff eines indischen Motorrades, durch das Land der Gegensätze und Extreme. Nirgendwo sonst auf der Welt herrscht soviel Chaos und nirgendwo ist soviel Bewegung. Indiens Straßen bieten den Schauplatz für eines der letzten Abenteuer der Welt, sie sind die pulsierenden Schlagadern dieses Landes und seiner Menschen. Alles scheint sich von früh morgens bis spät in die Nacht zu bewegen, tausende LKWs, überfüllte Kleintransporter, Reisebusse vollgestopft mit 100 Menschen und noch 30 auf dem Dach.

Familien mit fünf Personen auf dem Motorrad, der Mann mit Helm – wie es in Indien Pflicht ist – die Frau im Damensitz mit zwei kleinen Kindern auf dem Arm hinten auf dem Motorrad und zum guten Schluss der älteste Spross auf dem Tank, alle natürlich ohne Helm. Genauso überladen wie die LKWs und Motorräder sind auch die Fahrräder. Was irgend möglich ist, wird transportiert und wenn sich das Bike knirschend und ächzend kaum noch bewegt, dann schieben hinten zwei Helfer den Turm mit haufenweise Ware und ein bisschen Fahrrad durch Delhis Innenstadt.

Es herrscht ein permanenter, ohrenbetäubender Lärm von laufenden Motoren und Hupen, die Luft ist so dick, dass man sie schneiden kann, verstaubt von den hunderttausenden sich bewegenden Reifen. Jeder Millimeter zwischen Rikscha und Luxus-Limousine, zwischen dem Lkw neben dem guten alten Ochsenkarren und umherspringenden Fußgängern wird ausgenutzt. Wer das Theater eine Weile beobachtet, stellt sich unwillkürlich die Frage, ob System in diesem Chaos steckt, oder ob schlicht und einfach alle reif für die Klapsmühle sind.

Vielleicht ist daraus die Meditation entstanden, die Fähigkeit der Yogis zum völligen Abschalten. Anders ist nur schwer vorstellbar, wie der Tumult auf Dauer zu ertragen ist. Unser Fotograf jedenfalls fiel jeden Abend nur noch völlig erledigt ins Bett und fragte sich, wie er es geschafft hatte, den Tag zu überleben. Dabei waren Tage, an denen er in einem Bett lag, das sauber war, gute Tage.

Es kam auch vor, dass er das Bett nur nutzte, um darauf seine Isomatte und seinen Schlafsack auszubreiten. Und wenn sich nachts doch einmal eine Ratte auf sein Bett verirrte, dann schüttelte er innerlich nur den Kopf und schlief weiter. Denn nur im Traum ließen sich die vorbeiziehenden Bilder der langen Tage verarbeiten, die für ihn und sein Team bereits um 6.00 Uhr morgens begannen und täglich mindestens zehn Stunden auf dem Bike bedeuteten. Bunt, laut, schnell, schön, hässlich, abstrakt, all diese Worte reichen nicht aus, um die Verrücktheit und die Schönheit Indiens zu beschreiben.

Es sind die unwiederbringlichen Momente und bewegenden Bilder, die sich tief in das Gedächtnis eingraben:
Das nette Mädchen, das mit seinem Chicken-Bike vor der Kamera schüchtern posiert, am Fahrrad 50 lebende, auf dem Kopf hängende Hühner festgebunden, die darauf warten, auf den nächsten Markt gefahren zu werden. Transporträder, wohin das Auge reicht. Alles wird auf das Fahrrad gepackt, es ist immer noch ein entscheidendes Transportmittel. Ohne Fahrrad geht in Indien gar nichts – und die Luft wäre noch viel schlechter.

Der Fotograf

Kai Stuht hat sich auf das Fotografieren von VIPs, Promis und Modegrößen spezialisiert. Als Fotograf und Creative Director ist er ein weithin anerkannter internationaler Trendsetter, der seinen ganz eigenen Stil der Bildsprache entwickelt hat.

1964 geboren in Hamburg, begann er in den 90er Jahren professionell zu fotografieren.

Seine fotografische Entwicklung ging sehr schnell von der Actionfotografie über die Inszenierung von Sportlern als „Stars“ und Portraits bis hin zu Mode- und Kampagnen-Fotografie.

1999 gründete er gemeinsam mit Tina Weisser die Kreativagentur für Foto und Konzept.

Seit 2004 ist er Herausgeber und Chef-Redakteur des Magazins „USELESS – Fashion vs. Athletes“ und „USELESS — The Red Flag“.

2008 erfolgte die Aufnahme in die renommierte Fotoagentur „Contour by Getty Images“ als dritter deutscher Fotograf.

Kai Stuht lebt und arbeitet als freier Künstler in Berlin.